Der Mensch, das Maß aller Dinge

Das Wandbild Walter Womackas am Gebäude des Bauministeriums der DDR

 

Nachdem am Ende gleich mehrere zahlungskräftige Unternehmen, Kunstfreunde und Institutionen ihr Interesse an einer Übernahme des Wandbildes geäußert hatten, ging alles sehr schnell. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben teilte uns nun mit, dass die Berliner Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) das Wandbild bergen und für eine weitere Neuanbringung nutzen kann. 

Die WBM, eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft, beweist mit ihrem Engagement einmal mehr einen verantwortungsvollen Umgang mit baugebundener Kunst in Berlin. In den letzten Jahren zeigte sich dieses Engagement besonders im Umgang mit dem Fries am Haus des Lehrers, der ebenfalls aus der Hand von Walter Womacka stammt. Jährlich organisiert die WBM hierzu Führungen zum Tag des offenen Denkmals, realisierte eine sehenswerte Dauerausstellung im Foyer des Hauses und veröffentlichte 2009 eine Broschüre zur Geschichte und Bedeutung des Frieses. Daher wird die Entscheidung für die WBM durch unseren Freundeskreis begrüßt. 

Hintergrund

Prof. Walter Womacka hat in über 60 Schaffensjahren zahlreiche Gemälde, Aquarelle, Grafiken und baugebundene Arbeiten geschaffen. Gerade diese sind von der "Re-Historisierung" und städtebaulichen Umgestaltung des Berliner Zentrums akut bedroht. 1995 fielen die Wandbilder Walter Womackas  im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR der Abrissbirne zum Opfer. Einzigartige Wandbilder wurden zerstört. 

                                                                          
Wir finden, das darf sich nicht wiederholen!

Der Freundeskreis Walter Womacka e.V. setzt sich seit seiner Gründung aktiv für die baugebundenen Arbeiten von Walter Womacka ein.  

 

Zunächst einige technische Daten zu dem Wandbild:

Bauwerk: Ministerium für Bauwesen der DDR (erbaut 1965-1968, Architekt: Prof. Rolf Göpfert,    TU Dresden)

Kunstwerk: Wandbild an einer Erkerwand

Fertigstellung des Wandbildes: 1968

Titel des Wandbildes: Der Mensch, das Maß aller Dinge 

Material / Technik: Emaille auf Kupfer

Ausführung (Werkstatt): Heinrich Tessmer, Wolfgang Liebert, Alfred Zenichowski (damals Studenten der Kunsthochschule Weißensee, heute allesamt selbst profilierte Künstler)

Maße: 15 x 6 m

  
Hinter Bäumen: Das Wandbild im März 2009

Fragen eines lesenden Arbeiters      (Bertolt Brecht)

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon

Wer baute es so viele Male auf?
In welchen Häusern des goldstrahlenden Limas wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war die Maurer?
Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie?

Über wen triumphierten die Cäsaren?
Hatte das vielbesungene Byzanz nur Paläste für seine Bewohner?
Selbst in dem sagenhaften Atlantis brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg.
Wer siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.

Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?
So viele Berichte. So viele Fragen.

Ein Wandbild für Bauarbeiter ?

Im aktuellen Kunstbetrieb, der meist kommerziell ausgerichtet ist, wird man sie kaum finden. Nicht in realistischen Arbeiten, in keinem abstrakten Gemälde angedeutet: Bauarbeiter. In ihrem Selbstverständnis war die DDR ein Staat der Arbeiter und Bauern, die SED die Partei der Arbeiterklasse. Der arbeitende Mensch stand entsprechend im Mittelpunkt; sei es in der Literatur, in der bildenden Kunst und  auf der Bühne. So ist es kaum verwunderlich, dass man sich bei dem Wandbild für das von 1965 bis 1968 neu errichtete Bauministerium der DDR für ein Motiv eines arbeitenden Menschen entschied. 

Auf dem ersten Blick ist unklar, ob es sich um einen Arbeiter oder um einen Bauingenieur handelt. Er hält einen Bauplan in der Hand, trägt einen Bauhelm, ist umgeben von Berechnungen und Formeln, einer Klinkerwand und einer Schalenform, die an Entwürfe des Bauingenieurs Ulrich Müther (1934-2007) erinnern. 

Dieser entwarf die Betonschalenkonstruktion der Großgaststätte Ahornblatt, die sich keine 100 Meter vom Bauministerium entfernt befand. Im Jahr 2000 abgerissen wurde der Bau durch einen beliebigen Hotelkomplex in quadratmeterausnutzender Investorenarchitektur ersetzt. Von diesen findet man jetzt in Berlin (leider) genügend. 

Das gleiche Schicksal scheint nun dem Bauministerium zu ereilen. Für das Wandbild waren bislang keinerlei Sicherungsmaßnahmen vorgesehen. Das hat sich nun geändert. 

In Berlin wurde in den letzten Jahren sehr viel gebaut. Wir finden es nur gerecht, dass nicht nur die Bauherren und Investoren, sondern auch die Bauarbeiter und Ingenieure der alten und neuen Hauptstadt mit dem Wandbild geehrt werden. Das Bild als Allegorie der Baukunst ist es wert, an einer anderen, gut sichtbaren Stelle, wieder angebracht und gewürdigt zu werden. 

Nachweislich hat jede historische Epoche gerade in Berlin ihre Spuren hinterlassen, vor allem in der Architektur. Für die Zeit von 1949 bis 1990 ist das anders. Hier versucht man aktuell, unter dem Deckmantel einer Re-Historisierung (Stichworte: Stadtschloß und Breite Straße) und einem überproportionierten  Stadtentwicklungskonzept (Stichwort: Alexanderplatz) die architektonischen Hinterlassenschaften der DDR-Zeit zu schleifen. Spätere Generationen werden sich auch für diese Epoche interessieren und nach deren Bauten gefragt werden Professoren und Politiker mit einem Schulterzucken antworten. 

Das Wandbild 1981 (links). Foto: Bruno Flierl (Quelle: Bildende Kunst 9/1981) 
Da das heutige DIHK-Gebäude erst nach 1990 gebaut wurde, war das Wandbild weithin sichtbar. Rechts ein Wandbild des
Womacka-Schülers Lutz Brandt
In Aktion

Mit dem Anliegen einer Erhaltung des Waldbildes ist der Freundeskreis an Dr. Thomas Flierl, Abgeordneter der LINKEN Berliner Abgeordnetenhaus, sowie an Luc Jochimsen und Petra Pau von der Bundestagsfraktion der LINKEN herangetreten. Diese verschafften sich zunächst im Rahmen einer "Kleinen Anfrage" an ihre jeweiligen Häuser Informationen zu den weiteren Plänen des Senats bzw. des Bundes.

Unsere Schreiben an die Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer (SPD) und den Bürgermeister von Berlin-Mitte Dr. Christian Hanke wurden an Ephraim Gothe (Stadtrat für Stadtentwicklung Berlin-Mitte) weitergeleitet. Dessen Brief an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben können Sie nachfolgend nachlesen. 
Das Wandbild im Spiegel seiner Zeit (PDF) Historische Presseschau
Unser Schreiben an das Bundesamt für Immobilienaufgaben vom 01.04.2009 (PDF) Im April 2009 erkundigten wir uns erstmals bei der BIMA nach deren Plänen zum Wandbild. Zunächst ohne eine Antwort. 
Unser Erinnerungsschreiben an das Bundesamt für Immobilienaufgaben vom 04.07.2009 (PDF) Auch auf unsere Erinnerung erhielten wir keine Antwort. Auf telefonische Anfrage unseres Mitgliedes Mathias Glaesmer beim Bundesamt wurde uns mitgeteilt, dass man keine Auskunft zu dem laufenden Verfahren erteilen möchte. Das Gebäude soll an das Land Berlin verkauft, abgerissen und das Areal neu bebaut werden. Im Nachhinein stellten sich diese Auskünfte jedoch als nicht wahrheitsgemäß dar.
Kleine Anfrage 16/14168 des Berliner Senats (PDF) Als Erster hat sich Dr. Thomas Flierl dem Thema Wandbild angenommen. Hier die Antworten seiner Kleinen Anfrage an den Berliner Senat.
Antwortschreiben von Luc Jochimsen und Kleine Anfrage an den Deutschen Bundestag (PDF) Der Bund ist und bleibt also Eigentümer des Grundstückes und somit voll in der Verantwortung. Auf Bundesebene wandten wir uns an Luc Jochimsen und Petra Pau (DIE LINKE)
Antwort des Bundes auf die Kleine Anfrage - 08.04.2010 (PDF) Im Folge dieser Antwort nun die "Lösung" des Bundes, dass das Wandbild kostenfrei an Interessenten abzugeben sei. 
Anfrage des Bezirksstadtrates Ephraim Gothe beim Vorstand der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben vom 9. April 2010 (PDF) "...So gesehen dürfte ohne Zweifel das Wandbild von Womacka ein öffentliches Interesse am Erhalt genießen, welches grundsätzlich durch den Bezirk Mitte unterstützt wird."
Schreiben des Vorsitzenden des berufsverbandes bildender künstler e.V. an die Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages vom 20.04.2010 (PDF) "Es fehlen konzeptionelle Grundlagen für einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichem Kunstbesitz, der seinen bau- oder institutionenbezogenen Kontext verliert. ... Es müssen Konzepte für eine langfristige und nachhaltige Sicherung und Präsentation von kulturhistorisch bedeutsamer Kunst am Bau entwickelt werden."
Antwort der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben auf unsere Schreiben vom 01.04.2009 und 04.07.2009. (PDF) Antwort vom 07. Mai 2010. Ein Jahr nach unserer Anfrage, aber besser später als nie: 
"...dass wir der WBM gestattet haben, das Wandbild "Der Mensch, das Maß aller Dinge" von Walter Womacka ... abzubauen und anschließend für ihre Zwecke zu verwenden."

Reaktionen

25.03.2010   Luc Jochimsen auf Ihrer Homepage: Zwei außerordentliche DDR-Kunstwerke in Gefahr
14.04.2010   Frankfurter Rundschau: Interessenten gesucht für Großformate aus DDR-Zeit
15.04.2010   Luc Jochimsen: Zwei Fragen an die Bundesregierung und ihre vollkommen unbefriedigenden Antworten
15.04.2010   Der Tagesspiegel: Dem "Lob des Kommunismus" droht die Abrissbirne
16.04.2010   Stellungnahme des Freundeskreises zur aktuellen Diskussion (Pressemitteilung)
16.04.2010   RBB: Bund: Kein Interesse an Womacka-Wandbild
17.04.2010   Mitteldeutsche Zeitung: Bund verschenkt ostdeutsche Wandbilder
26.04.2010   Heute im Bundestag: Bundesregierung gibt DDR-Kunstwerke kostenlos ab
28.04.2010   Berliner Zeitung: Wer nimmt das ungeliebte Erbe?
28.04.2010   Luc Jochimsen nimmt Stellung zum Artikel in der Berliner Zeitung und einem Brief von Bernd Neumann

 

11.05.2010   Pressemitteilung der Wohnungsbaugesellschaft Mitte: WBM sichert Womacka Wandbild
12.05.2010   Dr. Thomas Flierl: Für Womacka-Wandbild öffentlichen Standort finden
13.05.2010   RBB: Wohnungsgesellschaft sichert Womacka-Bild
14.05.2010   3sat Kulturzeit: DDR-Wandbild des Künstlers Womacka gesichert
15.05.2010   Neues Deutschland: Ein Ort für das Wandbild gesucht
15.05.2010   Junge Welt: Maß für Maß
 15.05.2010   Berliner Kurier: Womackas Werk gerettet
17.05.2010   Womacka-Wandbild gerettet - Pressemitteilung des Freundeskreises
22.05.2010   Luc Jochimsen im ND: Wohin mit der Kunst?
27.05.2010   Der Tagesspiegel: Immer an der Wand lang
02.06.2010   RBB Abendschau: Womackas Wandbild

Ministerium und Wandbild nach ihrer Fertigstellung (Quelle: Archiv Prof. Walter Womacka)

Pressemitteilung des Freundeskreises Walter Womacka e.V. (17.05.2010)

 

Womacka-Wandbild gerettet

"Der Mensch, das Maß aller Dinge" von Walter Womacka, das Wandbild am ehemaligen Bauministerium in der Berliner Breiten Straße, ist Dank des Engagements des Freundeskreises Walter Womacka e. V. und der Unterstützung zahlreicher Politiker, Unternehmen und Institutionen gerettet. 

Das sechs Meter breite und fünfzehn Meter hohe Kunstwerk war wegen des geplanten Abrisses öffentlich ausgeschrieben worden. Wer nachweislich bereit war, die Kosten der Demontage und Bergung der 360 Platten zu zahlen, konnte sich bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben melden. Gegen eine mögliche Zweckentfremdung, vor allem aber wegen der Gefahr, dass ein weiteres mit öffentlichen Mitteln finanziertes Kunstwerk aus der DDR für immer aus dem Stadtbild verschwinden könnte, machte der Freundkreis mobil. 

Diese Bemühungen waren erfolgreich.

Bereits Ende 2009 wandte sich der Freundeskreis an die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM). Diese ist auch Eigentümer des denkmalgeschützten Haus des Lehrers am Alexanderplatz, an welchem sich Walter Womackas Wandbild "Unser Leben" befindet. Überdies sind Hanni und Walter Womacka selbst Mieter der WBM. Die Intervention des Freundeskreises stieß dort auf offene Ohren. 

Die WBM nahm sich der Sache an und erhielt nunmehr grünes Licht von der zuständigen Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, das Baukunstwerk zu übernehmen. Die Wohnungsbaugesellschaft wird in enger Abstimmung mit der DSK Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH die Platten fachgerecht demontieren und einlagern lassen. In Zusammenarbeit mit dem Künstler, dem Freundeskreis Walter Womacka e. V. und kunstverständigen Fachleuten wird ein Gesamtkonzept erarbeitet, damit das Wandbild "Der Mensch, das Maß aller Dinge" künftig wieder an anderer Stelle öffentlich zugänglich sein wird.

Nicht die letzte Gefahr...

 

Ebenfalls vom Abriss bedroht: Walter Womackas Fries "Mensch und Raum" am Haus des Reisens

Freundeskreis Walter Womacka e.V.